Marius KellerVIEW PROFILE →
Kehrtwende beim Verbrenner-Aus: Wie Deutschland das EU-Ziel für 2035 aufweichen will
Kanzler Merz und fünf weitere EU-Länder fordern Technologieoffenheit statt striktem Verbrenner-Aus. Statt eines Verbots ab 2035 soll eine 90-Prozent-Emissionsvorgabe treten, die E-Fuels und Hybride am Leben hält. Rettung der Industrie oder Bremse für die E-Auto-Wende?
Wenige klimapolitische Entscheidungen haben die deutsche Autoindustrie so geprägt wie das geplante Verbrenner-Aus der EU ab 2035. Doch nun bahnt sich eine bemerkenswerte Kehrtwende an. Angeführt von Deutschland formiert sich in Brüssel eine Allianz, die das strikte Verbot aufweichen und durch einen flexibleren Ansatz ersetzen will. 2026 wird zum Jahr der Entscheidung.
Im Zentrum steht Bundeskanzler Friedrich Merz, der zusammen mit fünf weiteren EU-Ländern einen technologieneutralen Ansatz beim Verbot neuer Benzin- und Dieselautos fordert. In einem gemeinsamen Vorstoß verlangen sie eine flexible und realistische Regulierung, die allen Technologien offensteht und die Klimaziele erreicht, ohne Innovation und industrielle Wertschöpfung zu gefährden.
Vom Verbot zur Emissionsvorgabe

Der Kern des Vorschlags ist ein subtiler, aber folgenreicher Wechsel der Logik. Statt neue Verbrenner ab 2035 schlicht zu verbieten, soll eine Vorgabe treten, die Auspuffemissionen um 90 Prozent zu senken. Die verbleibenden 10 Prozent könnten durch den Einsatz von CO2-armem EU-Stahl, E-Fuels oder Biokraftstoffen ausgeglichen werden. Aus einem klaren Verbot würde so ein Zielwert mit Schlupflöchern.
Konkret würde dies bedeuten, dass Hersteller weiterhin Plug-in-Hybride bauen dürften, die Elektromotoren mit effizienten Verbrennern kombinieren, ebenso wie Fahrzeuge, die ausschließlich mit synthetischen E-Fuels aus abgeschiedenem CO2 und erneuerbarem Wasserstoff fahren. Der Verbrennungsmotor bekäme, in veränderter Form, eine Zukunft über 2035 hinaus.
Warum die Industrie aufatmet
Für weite Teile der deutschen Autobranche ist dieser Kurswechsel ein Hoffnungsschimmer. Sie argumentiert, ein starres Verbot einer einzigen Technologie sei riskant und setze das über Jahrzehnte aufgebaute Know-how rund um den Motorenbau aufs Spiel. Technologieoffenheit erlaube es, verschiedene Wege zur Klimaneutralität zu verfolgen und dabei Arbeitsplätze und industrielle Stärke zu sichern.
Besonders laut ist der Ruf aus dem Süden Deutschlands, wo die Autoindustrie das wirtschaftliche Rückgrat bildet. Der bayerische Ministerpräsident etwa fordert seit Langem, das Verbrenner-Aus ganz zu kippen. Hinter dem Streit steht die nackte Angst vor einem Strukturbruch, der ganze Regionen und ihre Zulieferer treffen könnte.
Die Gegenargumente wiegen schwer
Doch die Aufweichung hat auch scharfe Kritiker, und ihre Einwände sind gewichtig. E-Fuels sind teuer und energieintensiv in der Herstellung, und viele Experten halten sie für Pkw für ineffizient im Vergleich zum direkten Elektroantrieb. Plug-in-Hybride wiederum stoßen im realen Betrieb oft deutlich mehr aus, als die Laborwerte suggerieren.
Der vielleicht schwerwiegendste Einwand ist strategischer Natur. Während Deutschland über die Zukunft des Verbrenners diskutiert, haben chinesische Hersteller einen massiven Vorsprung bei Elektroautos aufgebaut. Wer jetzt das Signal aussendet, die E-Auto-Wende zu verlangsamen, riskiert, den Anschluss an genau jene Technologie zu verlieren, die den globalen Markt von morgen bestimmen wird.
Das Gift der Unsicherheit
Hinzu kommt ein oft unterschätztes Problem: die Planungsunsicherheit. Die Kommission wird ihr überarbeitetes Autopaket voraussichtlich Ende 2025 oder Anfang 2026 vorlegen und das Verbot anpassen. Doch für eine Industrie, die Milliarden in langfristige Investitionen steckt, ist ein ständiges Hin und Her fast schlimmer als eine unbequeme, aber klare Regel.
Wenn niemand mehr sicher weiß, welche Technologie in zehn Jahren erlaubt und gefragt sein wird, zögern Unternehmen ihre Investitionen hinaus, sowohl in Batteriefabriken als auch in Motorenwerke. Politische Verlässlichkeit ist selbst ein Standortfaktor, den die aktuelle Debatte gerade untergräbt.
Am Ende steht Europa vor einer Grundsatzfrage, die weit über Autos hinausreicht: Vertraut man einem festen Ziel, das Investitionen und Innovation in eine klare Richtung lenkt, oder hält man sich alle Optionen offen und riskiert Verzettelung? Deutschlands Kehrtwende beim Verbrenner-Aus ist der Testfall dafür, ob Flexibilität die Industrie rettet oder ihr im entscheidenden Moment die Orientierung nimmt.






