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Das stille Sterben der Zulieferer: Warum die Elektrowende Deutschlands Autobranche im Kern erschüttert

business2026-08-22 · 3 min read · 0 reads

Nicht die großen Marken, sondern die tausenden Zulieferer sind das eigentliche Opfer der Autokrise. 155 Insolvenzen seit 2020, hunderttausende bedrohte Jobs und ein struktureller Grund, den kaum jemand ausspricht: Ein Elektroauto braucht schlicht weniger Teile.

Wenn über die Krise der deutschen Autoindustrie berichtet wird, stehen fast immer die großen Namen im Rampenlicht. Doch das eigentliche Beben findet abseits der Schlagzeilen statt: bei den tausenden Zulieferern, die das unsichtbare Rückgrat der Branche bilden. Hier vollzieht sich ein stilles Sterben, das die industrielle Basis Deutschlands im Kern erschüttert.

Die Zahlen sind alarmierend. Der Zuliefererbereich ist überproportional betroffen: Seit 2020 gab es 155 Insolvenzen, allein 19 im ersten Halbjahr 2025, wovon schätzungsweise 43.000 Beschäftigte betroffen waren. Anders als ein Weltkonzern kann ein mittelständischer Zulieferer eine solche Durststrecke oft nicht überstehen, und mit ihm verschwindet spezialisiertes Wissen unwiederbringlich.

Das Ausmaß der Bedrohung wird durch die Prognosen des Branchenverbands greifbar. Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller, hat gewarnt, dass bis 2035 bis zu 225.000 Arbeitsplätze verloren gehen könnten, eine Aufwärtskorrektur um 35.000 gegenüber früheren Schätzungen. Bereits seit 2019 sind rund 100.000 Stellen in der Branche verschwunden.

Der strukturelle Grund: weniger Teile

Ein Verbrennungsmotor besteht aus tausenden beweglichen Teilen — ein Elektroantrieb aus einem Bruchteil davon. Genau darin liegt das Problem der Zulieferer.
Ein Verbrennungsmotor besteht aus tausenden beweglichen Teilen — ein Elektroantrieb aus einem Bruchteil davon. Genau darin liegt das Problem der Zulieferer.

Hinter dieser Entwicklung steht ein struktureller Grund, den viele nur ungern aussprechen: Ein Elektroauto braucht schlicht weniger Teile als ein Verbrenner. Ein klassischer Verbrennungsmotor mit Getriebe und Abgasanlage besteht aus tausenden komplexen Komponenten, ein Elektroantrieb dagegen aus einem Bruchteil davon. Weniger Teile bedeuten unweigerlich weniger Fertigung und damit weniger Arbeitsplätze.

Genau das ist die bittere Ironie der Elektrowende. Sie ist ökologisch notwendig, doch sie entwertet gleichzeitig jahrzehntelang aufgebautes Know-how. Viele Zulieferer haben über Generationen in die Verbrennertechnologie investiert und tun sich nun schwer, rechtzeitig auf Batterien, Halbleiter und softwaregetriebene Systeme umzusteigen, in denen ohnehin andere Länder oft die Nase vorn haben.

Kosten, China und ein doppelter Druck

Zur technologischen Umwälzung kommt ein knallharter Standortnachteil. Seit der Energiekrise sind die Betriebskosten in Deutschland deutlich gestiegen, und energieintensive Betriebe leiden unter anhaltend hohen Strom- und Gaspreisen, die ihre Margen zusammenpressen. Wer ohnehin knapp kalkuliert, gerät so doppelt unter Druck.

Gleichzeitig verschärft die Konkurrenz aus China die Lage. Chinesische Hersteller drängen mit günstigen, technologisch ausgereiften Elektroautos auf den Markt und setzen die deutschen Hersteller unter Preisdruck. Dieser Druck wird sofort an die Zulieferer weitergereicht, die als schwächstes Glied der Kette die Kürzungen zuerst und am härtesten spüren.

Auch die Großen wanken

Dass die Krise längst die Spitze erreicht hat, zeigt der Blick auf die Hersteller selbst. Volkswagen hat einen tiefgreifenden Stellenabbau in Deutschland beschlossen, der zehntausende Arbeitsplätze betrifft, und auch andere Werke stehen unter Spardruck; so plant etwa Ford Einschnitte an seinem Kölner Elektro-Standort. Wenn selbst die Giganten schrumpfen, bleibt für viele kleine Zulieferer kaum Spielraum.

Das Problem ist dabei nicht nur wirtschaftlich, sondern zutiefst sozial und regional. Ganze Landstriche, vor allem im Süden und Westen Deutschlands, hängen am Automobil. Fällt dort ein großer Zulieferer weg, trifft das nicht nur die Belegschaft, sondern eine ganze Region mit ihren Zulieferern der Zulieferer, Dienstleistern und Steuereinnahmen.

Umbau statt Untergang?

Die entscheidende Frage ist, ob dieser Wandel als Untergang oder als schmerzhafter Umbau endet. Manche Zulieferer schaffen die Wende, indem sie ihr Präzisionswissen auf neue Felder übertragen, von der Medizintechnik bis zur Batterieproduktion. Doch dieser Sprung erfordert Kapital, Zeit und qualifiziertes Personal, also genau das, woran es in der Krise am meisten mangelt.

Am Ende geht es um mehr als einzelne Firmen: Es geht um die Zukunft des Industriestandorts Deutschland. Ob das Land seine automobile Kernkompetenz in eine neue Ära rettet oder sie in der Elektrowende zerreiben lässt, wird sich in den kommenden Jahren an genau diesen unsichtbaren Zulieferern entscheiden. Sie sind nicht das Beiwerk der Krise, sondern ihr eigentlicher Schauplatz.

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